Es gibt Motorräder, die man kauft, weil sie vernünftig sind. Und es gibt die Ducati Panigale V4. Wer im Jahr 2026 knapp 35.000 Euro für ein Motorrad ausgibt, sucht keine Fortbewegung. Er sucht Erleuchtung. Die aktuelle Evolutionsstufe der Panigale V4 S verspricht, die Lücke zwischen Mensch und Maschine endgültig zu schließen. Aber ist sie mittlerweile zu perfekt, um noch eine echte Ducati zu sein?
Wenn du in die Garage kommst und das Garagentor öffnest, stockt dir kurz der Atem. Auch im Modelljahr 2026 ist die Panigale V4 das schönste Superbike der Welt. Punkt. Die im letzten Jahr geschärfte Linienführung mit den integrierten Winglets wirkt aggressiv, aber elegant. Nicht wie ein zerklüfteter Kampfjet (hallo BMW), sondern wie eine Skulptur aus rotem Marmor.
Ich stecke den Schlüssel ein, das TFT-Dashboard erwacht mit einer Animation, die dich willkommen heißt wie einen MotoGP-Piloten. Ein Druck auf den Starter, und der V4 bellt los. Ein unregelmäßiges, mechanisches Grollen, das tief in den Magen geht. Das ist kein Motor, das ist ein Instrument.

Fahrgefühl: Tanzen mit dem Teufel
Auf der Strecke – und nur dort gehört sie wirklich hin – offenbart die 2026er Panigale ihren Charakter. Dank der „Front Frame“-Bauweise und der überarbeiteten Schwinge (jetzt wieder Einarmschwinge, Gott sei Dank!) liefert sie ein Feedback vom Vorderrad, das fast schon beängstigend direkt ist. Du denkst an den Scheitelpunkt, und die Ducati ist schon dort.
Das elektronische Öhlins Smart EC 3.0 Fahrwerk (in der S-Version) bügelt Bodenwellen nicht einfach weg, es verarbeitet sie. Es hält das Motorrad beim harten Anbremsen so stabil, dass du dich fragst, ob die Physik Pause macht.
Redakteur-Tipp: Vertraut der Elektronik! Die neue „Ducati Vehicle Observer“ (DVO) Software, die Algorithmen aus der MotoGP nutzt, erlaubt Slides am Kurvenausgang, die dich früher ins Krankenhaus gebracht hätten. Jetzt fühlst du dich wie Pecco Bagnaia – zumindest für eine Sekunde.
Der Motor: Desmosedici Stradale
216 PS (159 kW) bei 13.500 U/min. Zahlen sind Schall und Rauch. Was zählt, ist die Art, wie dieser V4 seine Leistung abgibt. Untenrum rumpelt er charaktervoll, ab 8.000 Touren reißt er am Asphalt, und ab 12.000 Touren bricht das Inferno los. Der gegenläufige Kurbeltrieb eliminiert das Trägheitsmoment fast vollständig. Das Hochdrehen ist so explosiv, dass du froh bist über den breiteren Tank, der dir beim Anbremsen Halt gibt.
Im Vergleich zur BMW S 1000 RR wirkt der Ducati-Motor roher, ungefilterter. Die BMW ist effizienter, die Ducati emotionaler.

Was ist neu 2026?
Technisch bleibt die Basis das große Update vom Vorjahr, aber Ducati hat im Detail gefeilt:
- Getriebe-Update: Der Quickshifter (DQS 2.0) arbeitet jetzt noch weicher, besonders im Teillastbereich. Kein Rucken mehr in der Stadt (wer auch immer damit in der Stadt fährt).
- Aerodynamik: Die Winglets liefern 37 kg Abtrieb bei 300 km/h. Das hält das Vorderrad unten und spart Kraft.
- Ergonomie: Die Sitzbank ist flacher, der Tank bietet mehr Knieschluss. Man sitzt mehr im Bike, was die Kräfte beim Bremsen besser verteilt.
Der Konkurrenz-Check
Luxus gegen Leistung.
Feature | Ducati Panigale V4 S (2026) | BMW S 1000 RR (M Paket) | Aprilia RSV4 Factory |
Motor | V4 (1.103 ccm) | 4-Zylinder Reihe (999 ccm) | V4 (1.099 ccm) |
Leistung | 216 PS | 210 PS | 217 PS |
Gewicht (fahrfertig) | 187 kg (trocken) / ca. 195 kg | 193,5 kg | 202 kg |
Fahrwerk | Öhlins elektronisch (Smart EC 3.0) | Marzocchi elektronisch | Öhlins elektronisch |
Preis (Basis DE) | ab ca. 35.290 €* | ab ca. 26.000 € (vergleichbar) | ab ca. 26.990 €* |
*Preise sind UVP zzgl. Nebenkosten. Die „normale“ Panigale V4 ohne S startet bei ca. 28.190 €.
Was sagt uns das? Die Ducati ist mit Abstand das teuerste Bike. Ist sie 9.000 Euro „besser“ als eine Aprilia oder BMW? Objektiv: Nein. Subjektiv: Ja. Denn du zahlst für das Gefühl, etwas Besonderes zu besitzen.

Für wen ist die Panigale V4?
- Für Ästheten: Du stellst sie ins Wohnzimmer, wenn du nicht fährst. Und das ist völlig legitim.
- Für Trackday-Enthusiasten: Du willst das Beste an Elektronik und Fahrwerk, was man für Geld kaufen kann, ohne eine reine Rennmaschine ohne Zulassung zu nehmen.
- Nicht für: Den Alltag. Sie wird heiß (der hintere Zylinder grillt dich an der Ampel), sie ist steif, sie ist laut.
Fazit: Mathias Kalbs Meinung
„Die Ducati Panigale V4 S (2026) ist irrational, unvernünftig und sündhaft teuer. Und genau deshalb lieben wir sie. Sie ist kein Motorrad für jeden Tag, sie ist ein Ereignis. Wenn die BMW S 1000 RR das perfekte Werkzeug ist, dann ist die Ducati die Stradivari. Sie verlangt dir körperlich alles ab, aber sie belohnt dich mit Momenten purer Magie, die kein Reihenvierzylinder jemals replizieren kann. Wer das Geld hat: Kaufen. Für alle anderen: Träumen ist auch schön.“
Bewertung: 9.5 / 10 (Abzug nur für den Preis und die Hitzeentwicklung)
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